• Gesundheit


    Hier eine Reihe wichtiger Informationen vom interessierten Laien für interessierte Laien, die einen Überblick über das Thema: Tai Chi Chuan = Kampfkunst = gut für die Gesundheit geben.
    Tai Chi Chuan zählt zu den herausragenden Kampfkünsten Chinas, und es ist erst einmal schwer einen direkten Zusammenhang zwischen Kampfkunst und Gesundheit herzustellen. Zumeist kennt man Tai Chi nur als "alte Leute Bewegung" aus chinesischen Parks, welche die Entspannung fördert und bestenfalls noch etwas Balance trainiert. Dass Tai Chi Chuan viel mehr ist, kommt so langsam in der Öffentlichkeit an, und mehr und mehr Interessenten besuchen Tai Chi Schulen, um auch etwas über Selbstverteidigung zu lernen, ein Thema, das in diesem Zusammenhang noch vor 10 Jahren weithin belächelt wurde.
    Worin liegen aber nun die gesundheitsförderlichen Aspekte des Tai Chi? Dazu muss man sich den Körper ein wenig genauer ansehen. Unser gesamter Körperaufbau ist über Jahrtausende hinweg nur auf einen einzigen Zweck hin optimiert worden - BEWEGUNG! Alle Änderungen im Laufe der Evolution dienten nur dem Zweck, sich besser, geschickter und gewandter bewegen zu können, um sich Vorteile gegenüber den "Mitbewerbern" im weiten Feld der Nahrungs- und Beutesuche zu verschaffen.
    Bis zum Begin der Industrialisierung war die Nahrungsbeschaffung eine anstrengende Arbeit, die den Einsatz des ganzen Körpers als eine Einheit benötigte. Am Anfang musste man auf Bäume klettern, um an Früchte zu gelangen, und weite Strecken zurücklegen, um Beutetiere zu finden. Später musste mit hartem körperlichem Einsatz der Acker bestellt werden, das Vieh getrieben und versorgt werden, und man musste häufig auf den Markt gehen, um seine Waren zu kaufen, da die heutigen Kühl- und Lagerungsmöglichkeiten nicht gegeben waren. Überall war das zentrale Thema „Bewegung“.

    Die Industrialisierung hat dies geändert. Und das möchte ich am Beispiel eines „MCP": erläutern.
    Ein MCP fährt heute bequem mit dem Wagen oder der Bahn zum Einkaufen, und bringt mitunter Vorräte für mehrere Wochen mit nachhause. Er greift zum Telefon und bestellt einen Pizzadienst, der fertiges Essen liefert. Er geht morgens 20 Schritte zum Wagen, danach 20 Schritte zum Bürostuhl, geht mittags zur Kantine und sammelt sich sein Essen in der Auslage zusammen, fährt mit dem Aufzug zurück zum Büro, schleppt sich nach Dienstende zurück zum Wagen und fällt dann erschlagen von einem vor allem mental anstrengenden Arbeitstag auf die Couch, um sich mit einer Tüte Chips oder einem Wein bei einem Fernsehabend zu entspannen, bevor er zu Bett geht, um sich für den nächsten Tag zu erholen. Das ist der typische Tagesablauf eines MCP, eines Mega-Couch Potatoes.

    Hoffentlich denken nun viele: „Das ist aber übertrieben, so bin ich nicht, und meine Freunde auch nicht“. Großartig! Aber es ist schon gruselig zu sehen, für wie viele Personen oben genannter Tagesablauf ganz oder teilweise grausame Realität ist.
    Genau wie der Körper einerseits auf Bewegung optimiert ist, ist er andererseits ein Überlebenskünstler, und das heißt, dass er, um Energie zu sparen, nicht benötigte Körperfunktionen herunterfährt oder auch ganz abschaltet.
    Das bedeutet schlicht und ergreifend, dass nicht benötigte Muskelgruppen und -ketten nicht mehr aktiviert werden, und nach und nach ihre Funktion einstellen. Dies kann zwei Auswirkungen haben: Muskelgruppen werden als verkürzt empfunden, wobei die Muskulatur eigentlich nur weniger flexibel wird und sich nicht mehr so leicht dehnen lässt. Ein Muskel wird nicht „wirklich kürzer“, sondern nur „gefühlt kürzer“. Oder Muskeln, die nicht benutzt werden, aber ständiger Dehnung ausgesetzt sind, können erschlaffen. Diesen Phänomenen kann man geeignete Dehnübungen und eine entsprechende Muskelkräftigung entgegensetzen, um Dehnung und Muskelspannung wieder in Balance zu bringen.
    Verkürzte und erschlaffte Muskelgruppen stehen häufig in direkter Beziehung zueinander, etwa die Brust- und Rückenmuskulatur bei nach vorne geneigten Schultern. Hier die in Beziehung zueinander stehenden Muskelgruppen, bei denen sich dieses Phänomen am häufigsten zeigt:
    Diese Muskeln neigen zur sog. Verkürzung und können durch passende Dehnübungen aktiviert werden Diese Muskeln neigen zur Erschlaffung und können durch passende Kräftigungsübungen aktiviert werden

    Brustmuskulatur
    Obere Rückenmuskulatur

    Untere Rückenmuskulatur
    Bauchmuskulatur

    Hüftbeuger
    Gesäßmuskulatur

    Innere Oberschenkelmuskulatur (Adduktoren)
    Äußere Oberschenkelmuskulatur (Abduktoren)

    Teile der vorderen Oberschenkelmuskulatur

    Hintere Oberschenkelmuskulatur

    Wadenmuskulatur


    Teile der vorderen Oberschenkelmuskulatur
    Vereinfacht kann man sagen, dass die rückwärtige Muskulatur dem Aufrichten des Körpers dient (ähnlich dem hinteren Zugseil eines Kranes), und die vordere Muskulatur zum Vorbeugen und Kontrollieren der rückwärtigen Muskulatur dient. Nur wenn diese beiden Partien in perfektem Wechselspiel miteinander stehen, kann der Körper schmerzfrei agieren. Chinesisch ausgedrückt müssen Yin (vorne) und Yang (hinten) harmonisieren. Ergänzend ist nun noch die seitliche Muskulatur zu nennen, welche ebenfalls in engem Zusammenspiel mit den anderen Muskelgruppen steht, und einen großen Einfluss auf die Körperausrichtung und –haltung hat.
    Früher waren nach vorne gefallene Schultern und ein runder oberer Rückenbereich (Erschlaffung der Rückenmuskulatur und Verkürzung der Brustmuskulatur) ein „Krankheitsbild“ des Alters. Dies ist heute bereits in hohem Maße bei Jugendlichen ab 14 Jahren zu beobachten, und ist unter anderem auf zu wenig Bewegung in Verbindung mit zu langem Sitzen (Schule+PC+Fernsehen) zurückzuführen.
    Dann gibt es da noch die drei großen Pumpwerke im Körper.
    Die bekannteste Pumpe ist das Herz. Wenn das Herz nicht mehr ordentlich pumpt, merkt man dies sehr schnell, z.B. durch Schwindel, Beklemmungsgefühl im Brustkorb und Leistungsschwäche. Diese Signale nimmt in der Regel jeder wahr und lässt sich daraufhin zumindest untersuchen.
    Die zweite und schon weniger bekannte Pumpe ist das Zwerchfell. Das Zwerchfell kontrahiert und expandiert wechselweise und vergrößert/verkleinert dadurch das Lungenvolumen, pumpt also Luft in unsere Lungen. Bei Neugeborenen und Kleinkindern kann man wunderbar beobachten wie sich der gesamte Bauchraum durch diese Zwerchfellatmung (umgangssprachlich: Bauchatmung) in alle Richtungen ausdehnt und wieder zusammenzieht. Dies hat ebenfalls zur Folge, dass alle Organe im Bauchraum andauernd sanft massiert/stimuliert werden, und dadurch ihren Funktionen besser nachgehen können. Dies ist auch die unbewusste Atmung welche bei völliger Entspannung einsetzt, solange der Bauchmuskelbereich nicht verkrampft oder erschlafft ist. Weiterhin verbraucht diese Atmung am wenigsten Energie, und durch die Massagewirkung werden unter anderem der Blutdruck gesenkt und die Verdauung gefördert.
    Das dritte große Pumpsystem ist unser Beinpaar. Spätestens seit Newton fühlt sich alles in unserem Körper nach unten gezogen. Nicht nur unsere Organe streben abwärts, auch unser Blut, Lymphflüssigkeit und Wasser sinken nach unten. Durch ganz normales Gehen kontrahieren und expandieren unsere Beinmuskeln ganz automatisch und helfen damit, alle nach unten sinkenden Flüssigkeiten wieder nach oben zu pumpen, und unterstützen dadurch die gesamte Flüssigkeitszirkulation.
    Nun wieder zurück zu unserem MCP, dem „fernsehguckenden, Chips futternden Nichtbeweger“.
    Wenn wir den Tagesablauf unseres MCP ansehen, stellen wir fest, dass er seine drei Pumpen so gut wie gar nicht aktiviert. Die Beine sind überwiegend ruhiggestellt und unterstützen den Stoffwechseltransport nicht. Durch das viele Sitzen wurde die Bauch-/Zwerchfellatmung eingestellt, und der Körper hat auf ausschließliche Brustkorbatmung umgestellt. Dies reicht durchaus, um am Leben zu bleiben, aber weder werden die Bauchorgane massiert und stimuliert, noch wird ein hoher Atemluftdurchsatz erzielt, welcher unter anderem helfen würde, verbrauchte Stoffe über erhöhten Luftaustausch vermehrt hinaus zu befördern. Durch die passive Tätigkeit ist auch das Herz nicht sonderlich gefordert und schaltet herunter. Es verringert seine Aktivität: Über die Stärke und Elastizität der weiteren Muskulatur schweigen wir, die ist schon länger in den Ruhestand getreten.
    Da man jedoch nicht umhin kommt, ab und an einmal ungewohnte Tätigkeiten auszuführen, Getränkekästen in den Kofferraum heben, Bücken zum Schuhe zubinden, etc. müsste der Körper eigentlich die mittlerweile stillgelegten Muskelketten benutzen.

    Dies geht aber nicht von jetzt auf gleich, sondern erfordert etwas Zeit. Hier kommt eine weitere unglaubliche Fähigkeit unseres auf Bewegung ausgelegten Körpers zum Vorschein – die Improvisation. Da es nicht nur die eigentlich zuständige Muskulatur gibt, sondern auch unzählige weitere Muskelfasern, aktiviert er eben die nächstbeste Muskelkette, welche eigentlich gar nichts mit der anstehenden Aufgabe zu tun hat, aber ausreichend gut funktioniert. Und hier fangen die Probleme an. Durch die ungewohnte Belastung entstehen Spannungen, welche schnell zu Verspannungen führen. In weiterer Entwicklung entstehen dann chronische Beschwerden durch zweckfremd eingesetzte Muskelgruppen, die eigentlich im Ruhezustand bleiben sollten. Mentaler Stress führt zusätzlich zu weiteren An- und Verspannungen und all das summiert sich dann gerne zu chronischen Schmerzen. Diese werden als gegeben hingenommen, als normal oder Alterserscheinung oder durch die Lebensumstände bedingt.
    Hilfe wird häufig in Medikamenten gesucht, welche die Beschwerden aber nicht kurieren sondern nur zeitweilig verdrängen können. Ein weiterer Ansatz sind Operationen, die schmerzende Stellen reparieren oder entfernen sollen, alles in Ermangelung besseren Wissens, oder weil der eigene körperliche Einsatz als Lösung schon als zu anstrengend empfunden wird. Die Medizin vermittelt häufig den Eindruck eines Schlachtfeldes (Körper), auf dem man Krieg(Eingriff) gegen einen Feind(Krankheit) führt. Erfreulicherweise gibt es aber zunehmend Bemühungen um eine ganzheitliche Betrachtungsweise des Körpers und die Zusammenhänge, aus denen die Schwierigkeiten entstehen. Als Fachleute auf diesem Gebiet der Zusammenhänge in der Körpermechanik zeigen sich hier unter anderem gut ausgebildete Osteopathen, die anscheinend Wunderdinge vollbringen, alleine weil sie den Körper in seiner Gesamtheit betrachten und entsprechend agieren.
    Man kann selbst aber sowohl präventiv (idealerweise) als auch in akuten Situationen noch vieles tun, nämlich sich in geeigneter Weise BEWEGEN. Dadurch veranlasst man sein von Natur aus fein abgestimmtes Wunderwerk namens Körper dazu, sich wieder selbst zu regulieren und ins Gleichgewicht zu bringen. Je nach Schwere der angehäuften Störungen und Beeinträchtigungen sind dabei durchaus Kontrolle und Anleitung entsprechender medizinischer Fachleute dringend zu empfehlen.
    Eine Möglichkeit, es gar nicht erst zu großen Störungen oder Schäden kommen zu lassen bietet das Tai Chi Chuan durch seine Ganzkörperbewegung, bei der von den Zehen bis hinauf zum Scheitelpunkt alle Muskelgruppen sanft stimuliert werden. Für einen soliden Stand konzentriert man sich auf die passende Fuß-, Knie- und Beinhaltung, für die Schritttechniken, Beindrehungen und Tritte arbeitet man mit den Adduktoren und Abduktoren, sowie mit dem Öffnen und Schließen der Hüftgelenke und der generellen Beckenbeweglichkeit.
    Für die Oberkörpertechniken arbeitet man an der Taillenbeweglichkeit, der Beuge- und Neigefähigkeit des Oberkörpers, der Flexibilität des Brustkorbes und der Rippenknorpel, sowie der Flexibilität, Streckung und Verwindungsfähigkeit der Wirbelsäule. Gerade die Verwindung sowie die Mobilisierung des Oberkörpers und des Brustkorbes sind ein großer Schwerpunkt im Snakestyle Tai Chi Chuan der Yang Familie.
    Für die Armtechniken ist der Zustand der Muskel-Sehnen-Kappe, die das Schultergelenk in der Pfanne hält (Rotatorenmanschette) von immenser Wichtigkeit und wird entsprechend auf Flexibilität, Beweglichkeit, natürliche Positionierung und Haltekraft trainiert. In Weiterführung dessen werden Ellenbogen, Handgelenke sowie die einzelnen Fingergelenke ebenfalls in die Übungen mit einbezogen. Auch Nacken/Hals/Kopfposition, Mobilität und Entspannung werden gezielt gefördert.
    Durch die Anleitung zur entspannten, tiefen Bauchatmung bringt man die 2. Pumpe, das Zwerchfell, langsam wieder auf Trab, und durch die Schritte und Tritte, das Steigen und Sinken in den Bewegungen ebenso die 3. Pumpe, die Beine. Wo der Körper sich bewegt, und nach mehr Sauerstoff in den Zellen verlangt, da arbeitet auch unsere Pumpe Nummer 1 wieder schwungvoll, und das Herz hat gar kein Interesse an einem ausgedehnten Winterschlaf, so dass das gesamte System Mensch nach und nach wieder in einen aktiven Zustand versetzt wird.

    Nun sagen die alten Meister, dass das Üben der Tai Chi Formen schon einen großen gesundheitlichen Nutzen hat, aber die volle Wirkung erst bei der Ausübung auch als Kampfkunst eintritt. Wie kann es gesund sein, dass mein Partner mir gerade ein „Eisbein“ verpasst hat? Nun, das „Eisbein“ hilft einem in Zukunft Mister Miyagis Rat zu Befolgen: „….nicht da sein wenn Schlag kommen…“ J, aber das Wichtigere in dem Zusammenhang sind zwei andere Faktoren.
    Zum einen wird man bei Partnerübungen gezwungen, weitere, unübliche Körperbewegungen auszuführen, welche man im normalen Formlauf nicht machen würde, da dort ja kein „Eisbein“ droht. Man muss auf unerwartete Aktionen des Partners reagieren und aktiviert dementsprechend ein wahres Feuerwerk an Impulsen, welche alltäglich nicht benötigte Muskelregionen ansprechen und diese allmählich vollends zum Leben erwecken.
    Zum anderen ändert sich die geistige Ausrichtung. Man verlässt mit zunehmender Erfahrung im Kampf mehr und mehr eine vermeintlichen Opferrolle, wird sich seiner Selbst bewusster und entwickelt in Folge ein größeres Selbstvertrauen. Dies wiederum spiegelt sich im äußeren Ausdruck wider und man erlebt sich weniger als Zielscheibe und mehr als jemand, der andere unterstützen kann.

    Natürlich ist das nicht so einfach, wie eine kleine Pille gegen Schmerzen zu schlucken. Es erfordert regelmäßiges Üben, aber dafür hilft es nachhaltig und schonend und man wird wieder fähig, selbst für seine Gesundheit zu sorgen.
    Viele Tai Chi Schüler, aus meiner eigenen und anderen Schulen, berichten, dass ihre Rückenprobleme, Hüftprobleme, Balancestörungen u. Ä. zurückgegangen oder verschwunden sind, seit sie Tai Chi Chuan ausüben. Dafür helfen bei einem einigermaßen ausgeglichenen Alltag schon 15 Minuten täglichen Trainings. Bei einem sehr ungesunden Lebensstil (siehe MCP) können allerdings auch weit reichendere Umstellungen von Gewohnheiten erforderlich sein. Tai Chi Chuan ist keine Magie, weder in der Kampfkunst noch in der Gesundheit, sondern gute Biomechanik und Körperenergie (Qi/Chi), in Verbindung mit einem munteren Geist (Shen) und einem Ziel, das man anstrebt (Ji).
    Wie überall ist es wichtig, sich den Ort, an dem man lernen möchte, genau anzuschauen, und den/die Lehrer, von denen man lernen möchte, gewissenhaft zu hinterfragen und zu prüfen, damit man sich nicht auf ein baufälliges Haus hinter einer tollen Fassade einlässt.

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